Wie realistischer Optimismus deine Resilienz als Führungskraft stärkt

Das Konzept „realistischer Optimismus“ ist ein zentraler Aspekt der Resilienzforschung. In diesem Beitrag zur Themenreihe Resilienz erläutere ich diesen wichtigen Faktor und beleuchte den Spielraum zwischen Realismus, Optimismus und Pessimismus. Abschließend gebe ich einige Impulse, die zur heiteren Gelassenheit beitragen.
So erfährst du, wie du deine Fähigkeit, optimistisch und zugleich realistisch zu bleiben, nutzen kannst, um sowohl kleine Hürden des Alltags als auch die großen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Was ist Optimismus

Optimismus ist die Neigung, in Situationen das Positive zu sehen und eine günstige Entwicklung zu erwarten. Es ist eine Einstellung, die davon ausgeht, dass das Gute wahrscheinlicher ist als das Schlechte und dass Ziele erreicht werden können.
Pippi Langstrumpfs Haltungen – „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ und „Ich bin sicher, dass das schaffe, denn ich habe es noch nie versucht“ – illustrieren diese unerschütterliche Zuversicht auf charmante und prägnante Weise.

Optimismus kann auch naiv sein, wenn die richtige Balance zwischen dem Glauben an das Gelingen und dem nüchternen Blick auf die Lebenswirklichkeit fehlt.

Der Blick durch die roasrote Brille des Optimisten.

Beispiel:

Ein Tech-Start-up entwickelt eine revolutionäre Gesundheits-App und ist fest davon überzeugt, dass ihre App der Schlüssel zu einer gesünderen Gesellschaft ist.
Ihr Motto lautet: „Wir werden die Welt verändern!“

Die Gründer sind so begeistert von ihrer Idee, dass sie keine gründliche Marktforschung betreiben und Annahmen über die Akzeptanz ihrer Nutzer treffen, ohne diese zu überprüfen. Sie glauben, dass die Einzigartigkeit ihres Produkts ausreicht, um erfolgreich zu sein.

Nach der Markteinführung stellt sich heraus, dass die App von den Nutzern als zu kompliziert empfunden wird und Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes bestehen. Trotz erheblicher Investitionen in die Entwicklung und das Marketing bleiben die Nutzerzahlen weit hinter dennicht Erwartungen zurück.

Die Gründer scheitern an der mangelnden Marktakzeptanz und lernen auf die harte Tour, dass Enthusiasmus allein nicht ausreicht. Sie müssen akzeptieren, dass eine detaillierte Planung und das Einholen von Feedback unerlässlich sind, um ihr Produkt an die Bedürfnisse des Marktes anzupassen.

Die Welt der Pessimisten

Pessimisten sind oft detailorientiert und risikoscheu, sie konzentrieren sich auf Probleme und mögliche Fehler. Sie ziehen den Status quo gegenüber unsicheren Möglichkeiten vor und können im Teamkontext als Energieabsorber wirken.

Ein bewegtes Glas, das sich leert in der Welt in schwarz-weiß.

Beispiel:

In einer Projektsitzung präsentiert der Marketingleiter mit großem Enthusiasmus die strategischen Pläne und die erwarteten positiven Auswirkungen der Expansion in neue Märkte außerhalb Europas. Die Controllerin steht den Plänen skeptisch gegenüber. Ihre Bedenken, in Form von „Was machen wir, wenn…“ und „Wie stellen wir sicher, dass…“, sind Ausdruck ihrer risikoaverse Haltung. Ihre Einwände nehmen keine Ende und alle drehen sich im Kreis, was zu Frustration im Team führt, da weder eine Entscheidung noch ein sinnvoller nächster Schritt vereinbart wird.

Hier wird deutlich, wie Pessimismus, obwohl ein wichtiger Bestandteil der Risikobewertung, auch die Stimmung im Team und den Fortschritt hemmen kann, wenn er nicht moderiert wird.

Realistischer Pessimismus

An dieser Stelle möchte ich die Pessimisten würdigen, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

„Wem würdest du lieber die Verantwortung für ein Kernkraftwerk übertragen: einem realistischen Pessimisten oder einem realistischen Optimisten?“

Es ist karg in der Wüste, aber die Sonne scheint für den realistischen Pessimisten.

Beispiel aus der Praxis:

Der Produktionsleiter eines Elektronikherstellers nutzt seinen realistischen Pessimismus, um durch vorbeugende Maßnahmen Produktionsausfälle und Qualitätsmängel zu minimieren.

Er geht davon aus, dass Fehler auftreten werden, wenn nicht proaktiv vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden.

Durch die sorgfältige Überwachung der Produktionsprozesse erkennt der Produktionsleiter schnell Problembereiche. Seine gründliche Planung der Maschinenwartung und der Mitarbeiterschulung stellt sicher, dass immer genug fehlerfreie Ware produziert wird.

Diese Vorgehensweise minimiert die Kosten durch Ausschuss und fördert die Kundenzufriedenheit.

Wichtig ist auch, dass er offen bleibt für innovative Produktionsmethoden und Verbesserungsvorschläge aus seinem Team. Ein ausgewogener Ansatz, der realistischen Pessimismus mit einem gewissen Maß an Optimismus kombiniert, ist für Produktivität und Innovation am besten geeignet.

Realistischer Optimismus – eine Definition

Dieser Begriff wurde maßgeblich von Karen Reivich und Andrew Shatté in ihrer Publikation ‚The Resilience Factor: 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life’s Hurdles‘ (2002) geprägt und ausführlich behandelt. Eine gute Zusammenfassung zu den Resilienzfaktoren findet sich in diesem Artikel von CNBC.

Verschiedene Resilienzmodelle mit fünf, sechs oder sieben Säulen enthalten alle als wesentliches Element den realistischen Optimismus.


Thomas Grenz hat dies treffend formuliert:

„Hinter dem realistischen oder auch gefestigten Optimismus steckt die Überzeugung, dass sich die Dinge zum Guten wenden, weil sie es können.“

T. Grenz

Mir gefällt der Begriff „gefestigter“ Optimismus sehr gut, weil er deutlich macht, dass man mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht.

Realistischer Optimismus in der Führungspraxis

Der realistische Optimist weiß, dass es nicht immer möglich ist, die Welt nach dem eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Am Anfang steht eine ehrliche Einschätzung, eine solide Analyse des Ist-Zustandes – der Grundstein für realistische Planungen und Projekte.

Grenzen und Risiken erkennen, dennoch Möglichkeiten finden, kreativ damit umzugehen:  Hilfe oder Unterstützung holen, versuchen die Grenze ein wenig nach außen zu verschieben, auch mal Unbequemlichkeit in Kauf nehmen und eine Schritt für Schritt vorgehen, aber entscheiden und handeln.

Dieses lösungsorientierte Handeln mit einer Prise Gelassenheit – das ist realistischer Optimismus.

Geerdet – das ist der Schlüssel für realitischen Optimismus

Beispiel aus der Praxis

Ein Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien, plant den Eintritt in einen stark regulierten Markt. Die Gründer sind sich der Herausforderungen bewusst: strenge Umweltauflagen, etablierte Wettbewerber und eine komplexe Kundengewinnung. Trotz dieser Hürden haben sie eine klare Vision: die Energiewende voranzutreiben und dabei profitabel zu bleiben.

Sie führen eine gründliche Marktanalyse durch, die nicht nur die Potenziale, sondern auch die Grenzen aufzeigt. Sie erkennen, dass ein direkter Wettbewerb mit den großen Energiekonzernen kurzfristig nicht realistisch ist. Stattdessen identifizieren sie eine Nische: Kommunen, die nach nachhaltigen Energielösungen suchen.

Sie entwickeln sie ein maßgeschneidertes Angebot für diese Nische.

Das Team stößt auf technischen Grenzen und steht vor finanziellen Engpässen. Statt aufzugeben, suchen sie aktiv nach Unterstützung durch Förderprogramme und strategische Partnerschaften. Sie setzen auf schrittweise Verbesserungen und Pilotprojekte, um ihre Technologie zu verfeinern und das Vertrauen ihrer Kunden zu gewinnen. Ihr Optimismus und ihre gute Laune halten das Team auch in schwierigen Phasen motiviert und kreativ.

Das Unternehmen kann nicht sofort den gesamten Markt erobern, aber es etabliert sich erfolgreich in seiner Nische. Jeder kleine Vertragsabschluss wird gefeiert, aus jedem Rückschlag wird gelernt.

Dieses Beispiel zeigt: Der realistische Optimist sieht das Plus und das Minus, er feiert Erfolge – und seien sie noch so klein. Er erkennt die Niederlagen an und ist sich in heiterer Gelassenheit stets aller Möglichkeiten bewusst.

Und was ist nun besser – realistischer Pessimismus oder Optimismus?

Das nachfolgende Zitat, das George Bernhard Shaw zugeschrieben wird, zeigt schön die Bandbreite des Themas auf:

“Optimists invented the airplane, pessimists the parachute.”

george bernhard Shaw

Es unterstreicht die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Innovationsfreude zu finden, um sowohl realistisch als auch zielorientiert zu bleiben.

Die Beispiele zeigen, dass ein realistischer Pessimismus in Bereichen ist, in denen Sicherheit und Risikomanagement im Vordergrund stehen, besonders wertvoll ist. Er ermöglicht es, potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen und proaktiv anzugehen, was letztlich die Resilienz und Stabilität des Unternehmens stärkt.

Bei der Frage, wer ein Kernkraftwerk leiten soll, wäre der realistische Pessimist daher oft die sicherere Wahl, da in diesen Rollen eine vorsichtige Risikobewertung und die Vorbereitung auf das Schlimmste wesentlich sind, um Katastrophen zu vermeiden.

Während realistischer Pessimismus in den Bereich Finanzkontrolle und Produktion entscheidend ist, ist realistischer Optimismus in anderen Unternehmensbereichen, wie Produktentwicklung oder Vertrieb und Marketing förderlicher, um Innovation und Wachstum zu stimulieren.

Realistischer Optimismus und Pessimismus sind beide wertvoll, je nach Situation und der Rolle des Einzelnen. Ein ausgewogener Ansatz, der beide integriert, ist effektiv, insbesondere in Teams, wo eine gesunde Mischung dazu beiträgt, Innovationen zu fördern und Risiken zu minimieren.

Die Prise Gelassenheit als Magic Ingredient

Die Fähigkeit zu einer heiteren Grundstimmung kann dabei eine Schlüsselrolle spielen, dennsie hilft, trotz Herausforderungen einen kühlen Kopf zu bewahren und konstruktiv zu bleiben.

Möchtest du deine Resilienz mit realistischem Optimismus stärken? Hier drei einfache Impulse zur Förderung deiner heiteren Gestimmtheit:

  1. Dankbar sein – mal drei Dinge notieren, für die du dankbar ist, das lenkt den Fokus auf das Gelungene und Schöne.
  2. Freundlich sein – mal einer Fremden ein Lächeln schenken, dem knurrigen Nachbarn grundlos etwas Nettes sagen. Diese kleinen Gesten der Freundlichkeit heben die Stimmung – nicht nur die eigene.
  3. Nicht jammern und nicht meckern – statt über Kleinigkeiten wie den Fahrstil anderer zu schimpfen, das Positive in der näheren Umgebung wahrnehmen, einen schönen Baum oder eine Wolkenformation..

Diese einfachen Handlungen tragen dazu bei, deine Gelassenheit zu kultivieren, die deine Resilienz und dein Wohlbefinden stärkt.

In dem Buch „Lebensfreude“ beschreiben Jens Corssen und Stephanie Ehrenschwender das Ganze so:

„Verstimmtheit frisst Energie – Wenn alles so ist, wie wir es uns vorstellen, empfinden wir das Leben als angenehm, also kohärent. Dann ist das Gehirn entspannt und in Harmonie und verbraucht viel weniger Energie als im inkohärenten Zustand, also verstimmt und unzufrieden. In Kohärenz und damit auch in gehobene Gestimmtheit bringen wir uns, indem wir jeder Situation des Lebens eine Bedeutung geben.“

Lebenssfreunde, 1. Auflage, 2024, Seite: 36 Corssen&Ehrenschwender

In der Kohärenz befindet man sich nicht mehr im Widerstand gegen das Leben und das ist der beste Zustand, um Herausforderungen lebensfroh, gesund und effektiv zu meistern.

Realistischer Optimismus kann die Grundlage für Erfolg und Zufriedenheit sein

Realistischer Optimismus und Pessimismus bieten wertvolle Perspektiven, die je nach Situation und Rolle einer Person zum Tragen kommen. Während der realistischer Pessimismus für das Risikomanagement und komplexe technische Abläufe unerlässlich ist, fördert realistischer Optimismus Innovation und Wachstum in dynamischen Unternehmensbereichen wie Produktentwicklung und Marketing.

Ein ausgewogener Ansatz, der beide Sichtweisen integriert, kann Teams dabei helfen, sowohl Herausforderungen effektiv zu meistern als auch neue Chancen aktiv zu nutzen. Durch die Kultivierung einer optimistischen Grundhaltung können wir unsere Resilienz stärken und eine konstruktive Haltung bewahren, die es uns ermöglicht, in einer sich ständig wandelnden Welt erfolgreich und zufrieden zu sein.

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